Fachleute sind sich uneinig: Führen Diäten zu Depressionen oder werden wir depressiv, wenn wir keine Diät machen?

Fühlen wir uns depressiv, weil wir eine strenge Diät voller Verbote machen oder weil wir Diäten umschiffen und plan- und grenzenlos essen?
Was denn nun: fühle ich mich so elendig, weil ich eine strenge Diät voller Verbote und Einschränkungen mache oder weil ich keine mache? (Foto: Schutterstock)

So, wie die Fachwelt sich uneinig ist darüber, was denn die richtige Ernährung sein soll, kursieren auch widersprüchliche Aussage zum Thema „Depressionen bei Diät oder bei Nicht-Diät?

Variante 1 lautet:

„Wer zu viel isst, sich zu wenig bewegt, sein Essverhalten in keiner Weise unter Kontrolle hat – sei es durch eine vernünftige Ernährung, einen Ernährungsplan oder eine Diät – der riskiert es, übergewichtig zu werden und an Diabetes, Bluthochdruck oder eine Fettleber zu erkranken. Das wiederum erhöht das Risiko, an Depressionen zu leiden.“

In diesem Zusammenhang wird erwähnt, dass es Wechselbeziehungen zwischen Diabetes und Depressionen gebe. Auf der Website der DeutschenDiabetesGesellschaft heißt es in einem Artikel aus dem Jahre 2017, dass Depressionen bei Diabetes-Patienten etwa doppelt so häufig vorkämen wie in der Allgemeinbevölkerung. Gründe seien u.a. diabetesbezogene Belastungen, die häufig in negativen Gedanken münden würden wie „ich tue doch so viel gegen meine Diabetes, aber die Ergebnisse sind mau“.

Wenn es um „falsche“ Ernährung geht, tauchen die üblichen Verdächtigen auf: zu viel Schokolade, Kuchen, Eis, Brot/Brötchen aus Weißmehl, Fertiggerichte, Chips, gesüßte Getränke, zu fettes Essen, zu wenig Obst und Gemüse. In Kombination mit zu wenig Bewegung führe der Weg so manchen in die oben genannte problematische Zone.

Okay, soweit lassen sich die Dinge logisch nachvollziehen, zumal sie uns immer und immer wieder gepredigt werden.

Aber wie sind dann die neuen Stimmen zu verstehen, die aus Amerika zu uns rüberschwappen und die Variante 2 darstellen:

„Wer Diäten macht, provoziert Depressionen“!?

Und schon sind wir bei den Widersprüchen, die im Ernährungsbereich immer stärker wuchern, so dass wir uns fragen: Was stimmt denn nun?

Kurz zu der zweiten Variante: Wer schon mal eine Diät gemacht oder gar gefastet hat, konnte vielleicht an sich selbst beobachten, dass er angesichts vieler Verbote und Einschränkungen fuchsteufelswild und ungenießbar wird. Ständig dieses nagende Gefühl, dass da etwas fehlt, wonach man nicht greifen darf, weil man sich ja vorgenommen hat, keinen Zucker, keine Kohlenhydrate oder kaum noch Fett zu essen. Oder der vorgefasste Plan, mit täglich maximal 1500 Kalorien auskommen zu müssen.

Dieses Zählen der Kalorien nimmt einem `ne Menge Zeit und Kraft – vieles kreist um die Ernährung, sie ist nicht mehr die schönste oder zweitschönste Nebensache der Welt, sondern Zentrum ängstlicher Gedanken und Gefühle. Nimmt es da Wunder, dass es rapide bergab geht mit der guten Laune? So wenig Genuss und so viel Verbote? Das hält doch kein Mensch aus – ergo haben viele von uns mächtig schlechte und gedrückte Laune, wenn sie versuchen, sich streng an Diätpläne zu halten.

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass es in diesem Beitrag nicht um schwere Depressionen geht, die einer Behandlung seitens der Psychologen oder Psychiater bedürfen. Es geht um Light-Versionen, die bestenfalls von vorübergehender Natur sind.

Nehmen wir mal ein konkretes Beispiel: Ein Kopfarbeiter, der es sich über die Jahre angewöhnt hat, sein Hirn regelmäßig mit viel Schokolade zu füttern.

Schließlich heißt es ja: „Das Hirn braucht Zucker“. Das hat er so verstanden, dass er seinem Hirn Zucker in Form von Snickers, MilkyWay, Caramac etc zuführt, damit sein Kopf produktiv arbeitet. Sicher, er hat am Rande wahrgenommen, dass mit „Zucker“ nicht unbedingt Schokolade gemeint sein muss, denn der Körper wandelt Kohlenhydrate, die in Nudeln, Kartoffeln, Brot oder Reis stecken, in Zucker um – aber das ignoriert er. Er hat auch mitgekriegt hat, dass einige Leute Traubenzucker schlucken, wenn sie wollen, dass der Zucker schnell wirkt im Kopf.

Da er extrem nach Süßkram schmachtet, fragt er einen Neurologen, ob es sein könne, dass er einen Mangel am so genannten „Glückshormon“ Serotonin habe. Schließlich sei sein Verlangen nach Süßen beachtlich. Und wenn Obst, dann süße Bananen, die er in der Pfanne mit viel Honig und Butter zubereitet – ähnlich wie Chinesische Restaurants es als Dessert anbieten.

„Ja“, antwortet ihm der Neurologe trocken, „Ihr Verhalten deutet durchaus auf einen Mangel an Serotonin im Hirn hin.“

„Wusst` ich`s doch!“, schießt es ihm durch den Kopf. „Ich brauch das Zeug wie der Junkie seine Droge.“ Er gesteht sich seine süße Sucht ein und im Gespräch mit andern outet er sich als Süchtigen.

Unabhängig davon, was unser Probant subjektiv empfinden mag, gehen neuerdings einige Neurologen davon aus, dass es nicht der Serotonin-Mangel sei, der zu Depressionen führe. „Wir hatten Patienten mit normalem bis überschüssigem Serotoninspiegel und dennoch waren sie depressiv“, so oder ähnlich lautet die Begründung für diese neue Annahme, die vieles auf den Kopf stellt. Wir als Laien können nicht beurteilen, was nun stimmen mag. Am besten scheint mir, am eigenen Körper/an der eigenen Psyche zu beobachten, was auf einen subjektiv zutrifft.

Zurück zu unserem Zucker-Junkie: Wir stellen uns vor, dass er ein Radlunfall erleidet und zur Bewegungslosigkeit verdammt ist für Monate. Bis hierher hatte er seinen übermäßigen Konsum an Süßem durch viel Bewegung einigermaßen ausgeglichen. Aber was nun? Er weiß natürlich, dass der Mensch an Gewicht und Fett ansetzt, wenn er sich bei einem hohen Zuckerkonsum zu wenig/nicht bewegt. Also kommt er auf die Idee, den Zucker gänzlich wegzulassen. Und um gründlich vorzugehen, meidet er auch weitgehend Kohlenhydrate wie Nudeln, Reis, Weißbrot und Kartoffeln.

Ergebnis: depressive Stimmung, weil ihm die Droge fehlt.

Ein Schoko-Junkie kann also depressiv werden, wenn ihm – warum auch immer – die „Droge“ entzogen wird. Über Schoko-Junkies hinaus kann es auch andere treffen, die eine ungewohnt strenge Diät angehen mit dem Ergebnis, dass sie für ihr Umfeld ungenießbar werden, weil sie gereizt und aggressiv reagieren.

Ich habe selten Leute erlebt, die gut drauf waren, wenn sie fasteten oder gerade eine „super effektive Diät“ ausprobierten. Der gefürchtete JoJo-Effekt führt zudem bei dem einen oder anderen zu Frust:

„Ich habe so viel getan, auf so vieles verzichtet monatelang – und was hat es gebracht?“ Solche Gedanken können Tür und Tor öffnen zu depressiven Verstimmungen.

Ergebnis des bisher Gesagten: Wir können depressiv werden, wenn wir eine strenge Diät machen – wir können aber auch Depressionen bekommen, wenn wir keinerlei Diät machen und lauter Dinge in uns hineinfressen, die zu Übergewicht, Diabetes oder einer Fettleber führen.

Diäten mögen hilfreich sein, um (vorübergehend) Gewicht loszuwerden, aber sie können gleichzeitig unerwünschte Nebenwirkungen wie schlechte/gedrückte/depressive Stimmung, Gereiztheit oder verstärkte Aggressivität mit sich bringen. Es gilt also abzuwägen und auf die Balance zu achten.

Die anfänglich widersprüchliche Aussage „Depressionen bei Diät oder bei Nicht-Diät“ muss also kein Widerspruch sein. Je nachdem, welcher Typ wir sind und wie unser Essverhalten ist, variiert die Antwort. Daher sollte jeder selbst beobachten und ausprobieren, wie es sich bei ihm/bei ihr persönlich verhält, um im Einzelfall die eingangs gestellte Frage für sich und seine/ihre spezielle Situation beantworten zu können.

Eines hat sich nach diesen Betrachtungen herauskristallisiert:

Extremes Essverhalten in die eine oder andere Richtung scheint uns nicht zu munden: Radikale Diäten können bei der Gewichtsreduktion behilflich sein, aber bergen das Risiko von obig genannten unerwünschten, psychischen Nebenwirkungen in sich. Umgekehrt kann ein exzessives „Laissez faire“, ein grenzenloses Fressen ebenfalls in physisch und psychisch belastende Nebenwirkungen münden, die wir schwer wieder loswerden. Ein ausgewogener Mittelweg ohne Extreme scheint uns besser zu bekommen.

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