fiktive Wellkampf-Story – Treffen der teilnehmenden Teams

Szene im „Torneo“: Treffen der Wellkampf-Teams 

Der große Wellkampf  stand bevor und jeder musste darauf achten, das Ergebnis der eigenen Wettkampfgruppe zu maximieren. Zudem wurde heute ein Neuzugang erwartet. Stina hatte nur spärliche Informationen über ihn: Merlot hieß er und war Pressesprecher einer Staatssekretärin im Ernährungsministerium. Mit seinen 44 Jahren verbuchte er bereits zwei Gichtanfälle, was auch der Grund für seine Entscheidung gewesen sein soll, am Wellkampf teilzunehmen.

Merlot stand unschlüssig im weitflächigen Saal des Torneos. Stina winkte ihn laut heran: „Huhuu, Merlot, komm zu uns rüber!“ Unsicher schritt er auf Stinas Gruppe zu. Der kurze Weg kam ihn ewig vor, weil alle ihn anstarrten. Er war sich seiner körperlichen Hänge-Partien peinlich bewusst.

„Schön, dass unser Naturals-Team durch Merlot anwächst“, begrüßte ihn Teamleiterin Siri.   „Wir stellen uns im Kreis auf“, ordnete sie an. Er hatte sich nicht neben Stina, sondern rechts von Risa hingestellt, weil die Lücke zwischen ihr und den übrigen Mitgliedern am größten war. Es wunderte ihn, warum die anderen ausgerechnet  zu Risa Abstand hielten: sie sah ansprechend aus und sie lächelte ihn freundlich an. Da er niemanden kannte, war er froh, von Risa wohlwollend aufgenommen  zu werden.

 

Rita, die Ausspuckerin

Sie zückte einen Riegel aus ihrer Sportjacke und biss hinein. Merlot behielt sie im Auge: Sinn und Zweck des Treffens war doch eine gesunde Lebensweise, da wollte eine solche Zwischenmahlzeit nicht reinpassen. Risa kaute genüsslich an ihrem Riegel, bückte sich, öffnete einen Beutel, den sie zwischen ihren Füßen hielt und spuckte hinein. Der Geruch wiedergekauter Essensreste stieg in Merlots Nase. Jetzt begriff er, warum die Nähe der von Ferne sympathisch wirkenden Risa  gemieden wurde.

Sobald eine Ladung in ihrem Beutel eintraf, gab er elastisch nach, ohne zu reißen. Der dehnbare ovale Beutel fasste an die 10 Liter und hatte einen Schraubverschluss wie er bei Wärmflaschen üblich ist. Sobald sie ihn fest zugeschraubt hatte, atmeten die Leute um sie herum auf, weil sie davon ausgehen konnten, dass nichts herauslief.

„Tja, wenn wir uns Risa angucken, erübrigt es sich, dass sie uns erklärt, mit welcher Methode sie sich schlank hält“, kommentierte Siri das Verhalten. „Ich wollte eh jeden einzelnen von euch im Kreis aufrufen, unserem Neuzugang Merlot zu erzählen, wie ihr es schafft, euer Gewicht zu reduzieren oder zu halten. Risa, vielleicht gehst du doch noch ein wenig genauer auf deine Beutelstrategie ein, die wir hier live und in voller Länge erleben.“

„Ich schmecke viel während des Kauens, eigentlich alle Aromen, aber ich muss das Verbleibende nicht unbedingt hinunterschlucken“,  brachte Risa vor, ohne ihr Kauen zu unterbrechen. Die Strategie schien zu helfen, denn Risa wog  schlanke 55 Kilo. Sie war eine strickte Gegnerin der Kotzmethode und dankte den Göttern sämtlicher Religionen dafür, nicht zur Bulimie zu neigen.

Ihrer Ansicht nach war es krank, sich den Finger in den Schlund zu schieben, damit alles wieder hervorquoll, was vorher verschlungen worden war.

Wozu schlucken, wenn man es mit Gewalt wieder hervorholte?, fragte sie sich und zog es vor, frühzeitig die Bremse zu ziehen. Vorteil: Sie musste nicht schnell auf Toilette rennen, um sich über die Kloschüssel zu bücken und hinterher verschämt die Zähne zu putzen. Gut, auch sie fand es nicht appetitlich, nach dem Öffnen ihrer mobilen Mülltasche den schleimigen Brei sehen und riechen zu müssen, aber es war das geringere Übel, zumal der braunbeige Beutel sich von außen optisch hübsch ausnahm. Hin und wieder, an besonderen Tagen, gönnte sie es sich, den Happen tatsächlich hinunterzuschlucken, den sie vorher ordentlich zerkaut hatte. War eh das A und O der Ernährung, fand sie: alles richtig zermalmen und sich dabei unendlich viel Zeit lassen. Deshalb war ihr Mahlwerk ähnlich wie bei den Wiederkäuern häufiger in Bewegung als üblich. Merlot traute sich nicht, seinen Platz neben Risa zu verlassen. Es hätte eh niemanden in der Runde gegeben, der mit ihm freiwillig getauscht hätte. Er sah Siri fragend an.

„Gut, unsere Risa wendet ihre Beutelmethode seit acht Monaten an und die Ergebnisse sprechen für diese effektive Art, Gewicht zu halten oder gar zu verlieren. Ich schlage vor, die übrigen stellen sich nacheinander Merlot vor und zum Schluss sagt er uns, mit wem wir es zu tun haben, d àccord?“

 

Sanktions-Elly

„Mach ich mal weiter“, wisperte Sanktions-Elly kaum hörbar.

„Aber bitte etwas lauter, Elly“, bat Siri.

Elly räusperte ein paar Mal und gab sich Mühe, laut und deutlich zu sprechen.  „Im Gegensatz zu Risa schade ich mit meiner Methode nur mir selbst. Immer, wenn ich auf etwas Verbotenes stoße, kneife ich mir tief in mein Armfleisch. So!“ Elly packte sich selbst am Unterarm und verdrehte einen Hautfetzen so weit, bis sie aufschrie. „Es muss ordentlich wehtun, darf auch mal bluten, sonst würde ich ja nicht spüren, dass ich drauf und dran bin, etwas zu tun, was ich lieber lassen sollte“, erklärte sie und fügte hinzu: „Das mache ich beispielsweise, wenn ich eine ganze Tafel Schokolade sichte und mich mit der Sanktionsmetode dazu zwingen möchte, nur einen Riegel oder noch besser nichts davon zu essen.“  Ihre Unterarme sahen aus wie bei einer Fixerin: lauter Verletzungen, die sie sich selbst zugetragen hatte.

Die Methode half: In 60 Prozent der Fälle gelang es ihr durch selbst auferlegte Sanktionen, ein Futterverbot durchzusetzen. Eine schmerzhafte Angelegenheit zwar, aber wer nicht hören wollte, musste fühlen – das war ihr klar und an dieses einfache Prinzip hielt sie sich.

 

Dita, die Eisbaderin

Die Reihe kam an Dita. „Ich bin eine Anhängerin der Eisbader“, erklärte sie. „Einmal die Woche bade ich in Eis – mit Eiswürfeln, die ich ins kalte Badewasser schmeiße. Hat einen ähnlichen Effekt wie Gemüse, das im Kühlfach eingefroren wird. Wochenlang bleibt es genauso, wie es hineingetan wurde, und keine Spur von einem Fäulnisprozess. Ich erreiche durch die Eiskur eine straffere Haut, ein langsameres Altern und generell einen vitalisierenden Effekt. Ab und zu gönne ich mir auch einen Eis-Quickie: Einen Lappen in einen Eimer voller Eis und tauchen mich von Kopf bis Fuß damit abreiben. Kombiniert mit dem Sport, den ich regelmäßig treibe, wirke ich gestählert und meine Haut ist doch erstaunlich straff für eine Endvierzigerin, oder nicht?“ Alle nickten und sahen nach einer kurzen Pause erwartungsvoll auf Beatrix.

„Nach der Trennung von meinem Freund habe ich mir einen Callboy gemietet“, gab Beatrix freimütig zu verstehen. „ Er begleitet mich so gut wie überallhin.  Sobald wir können, verschwinden wir und toben uns aus. Ich nenne es mal gradaus: Ich halte mich mit häufigem Sex in Form. Mit einem durchschnittlichen Akt verbrauchte der Mensch lediglich 200 Kilokalorien, mein Loverboy und ich treiben es weitaus heftiger und länger als der Durchschnitt, so komme ich beinahe einem Verbrauch an Kalorienwerten nahe, den Leistungssportler verbuchen.“ Beatrix hielt inne und streichelte das Mannsbild, das sich neben ihr aufgestellt hatte: eine geballte Ladung an Körperlichkeit, die kaum Raum und Zeit lassen dürfte für geistige Belange.

„Einmal am Tag ist keinmal für uns, nicht wahr, mein Honigtropfen“, säuselte sie ihm ins Ohr und tätschelte sein Hinterteil. „Ich bin mehr als zufrieden mit seinen Diensten und  bezahle ihn fürstlich“, schob sie nach. Es waren nicht allein die Kalorien, die sie beim Akt verbrannte: Sie achtete aus rein ästhetischen Gründen darauf, eine gute Figur zu machen, weil sie sich ja mehrmals am Tag nackt vor ihrem gut gebauten Loverboy entblätterte – sie wollte ihm gefallen.

 

Die große Wellkampf-Konkurrenz: Arts, Designer und Hedos

„Ihr wisst alle, wie groß die Konkurrenz ist“, tönte es aus der Gruppenleiterin Siri. Jeder nickte und schielte zu den Arts. Sie waren völlig skrupellos; sie griffen zu allen künstlichen Mitteln, die Medizin und sonstige Zweige herzugeben vermochten, um sich Vorteile zu verschaffen:

Mit Hilfe von Skalpellen ließen sie sich überschüssige Fett- und Hautpartien an allen möglichen Körperstellen wegschneiden; wiederholte Nervengiftspritzen, Medikamente, die vorwiegend das Hirn puschten – das waren die beliebtesten Hilfsmittel, damit Optik und Funktion des Körpers sich sehen lassen konnten.

Arts und Naturals waren erbitterte Feinde. „Frotox statt Botox“, fröstelte die vom natürlichen Kühleffekt überzeugte Dita. Beide Gruppen rüsteten mächtig auf, um beim bevorstehenden Wellkampf zu siegen. Die Leute in Stinas Naturals-Gruppe waren überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen, denn sie strampelten sich mächtig ab, um ansehnliche Resultate zu erzielen: erlaubt waren nur natürliche Methoden – sie fühlten sich daher als die besseren Menschen, die klar unterscheiden konnten zwischen gut und böse.

Die Arts wiederum sahen verächtlich auf die Designer herab, weil sie vor ihrer Geburt nach den Wünschen ihrer Eltern genetisch designt worden waren: Körpergröße, Typ, Haar- und Augenfarbe und eine beneidenswert geringe Disposition für Krankheiten oder Übergewicht waren vorher festgelegt worden, danach wurde der akkurat ausgewählte Genmix im Reagenzglas befruchtet und im Leib einer Leihmutter ausgebrütet. Ihre perfekten Maße machten vielen Angst: Alle anderen mussten ne Menge tun, um gewisse Ergebnisse zu erzielen, nur die Designer mussten sich nicht anstrengen, sie kriegten ihre künstlichen Gene einfach so einverleibt. Ihnen wurde mit Neid, Skepsis oder mit skeptischem Neid begegnet. Es stand die Frage im Raume, ob es überhaupt fair war, diese nach dem Wunsch der Eltern perfekt zusammengesetzten Wesen am Wellkampf  teilnehmen zu lassen – gegen so viel Gendesign hatten andere kaum eine Chance. Neben diesen Genbaukastenwesen empfanden sich die Arts als geradezu natürlich;  nur hie und da hatten sie Korrekturen vornehmen lassen, das wog nicht so viel wie jemand, der komplett neu gebaut war. Eine Magenverkleinerung oder in Intervallen verabreichte Nervengiftspritzen gegen Falten nahmen sich in ihren Augen harmlos aus gegen Menschen, bei denen bereits vor der Geburt der Zufall so gut wie ausgeschaltet worden war. Beim Abstimmen hatte sich dann eine knappe Mehrheit für die Teilnahme der Designer ausgesprochen mit dem Argument, man müsse selbstbewusst genug sein, gegen diese künstlichen Kreaturen anzutreten.

Bei dem Verzicht und der Disziplin, die die Naturals auf sich nahmen, waren nicht allein die gengestalteten Designer und Arts, sondern auch die Hedonisten ihre natürlichen Feinde. Wie und was die alles schamlos in sich hineinfraßen: ohne ersichtliche Grenzen und ohne Verstand! Das tat so weh beim Zuschauen! Wer auf kurzfristige Befriedigung setzte wie die Hedonisten es taten, der konnte langfristig nur verlieren, das war doch klar wie Kloßbrühe, in ähnlicher Deutung nachzulesen in dem Klassiker Kritik der praktischen Vernunft.

Deshalb sahen die hochdisziplinierten Naturals auf die hemmungslosen Hedonisten herab und nannten sie abschätzig Hedos: Diese hatten ihre Triebe und Gier nicht unter Kontrolle und konnten daher nicht als zivilisierte Zierde der Menschheit durchgehen. Sie frönten im Übermaß dem Wein, Whisky, Nikotin, sonstigen Drogen, Fastfood, üppigen Mahlzeiten mit überdimensional großen Dessertportionen – nicht selten in Kombination mit zügellosem Sex, dass den Naturals schon beim Gedanken an all diesen Überfluss ganz schwindelig wurde.

Sie hatten sich schlichtweg nicht im Griff, diese Barbaren, nannten ihr gieriges Gebaren aber verschönernd Genießen. Na, sie würden schon früh genug erkennen, was es wirklich war – denn das konnte wohl mit echtem Genuss nichts zu tun haben und würde  sich irgendwann an Körper und Seele deutlich rächen. Spätestens dann mussten diese unverbesserlichen Gierlappen erkennen, wie falsch ihr Weg war. Grenzenloses Genießen hatte Folgen – und zeigten sich diese, dann hatten die Mitglieder der Hedonistengruppe kaum eine Chance, beim großen Wellkampf zu gewinnen.

Die einzige, die heute nicht verächtlich zu den feindlichen Hedos schielte, war Stina. Ihr Blick streifte immer wieder einen Mittdreißiger, der bei den Hedonisten neu aufgetaucht war. Er wirkte erstaunlich gesund und strahlte überraschend viel Vitalität aus für einen, der das rechte Maß missachtete.

Neben Naturals, Arts, Designern und Hedonisten tummelten sich noch die Hirntuner, Wurmfresser, Placebos, die Esotanten samt Onkel und nicht zuletzt die Experimentierer.

 

Die Experimentierer

Experimentierer waren Experten in ihrem jeweiligen Fach und wagten viel: Unter ihnen ein Neurologe, der sich freiwillig einer Hirn-OP unterzogen hatte mit dem Ergebnis, dass sein Belohnungsareal ganz anders funktionierte als zuvor. Vor dem neurochirurgischen Eingriff aß er viel Süßes und Steaks mit ordentlichem Fettanteil. Das befriedigte ihn, aber wenn er sah, wie er mit der Zeit Kilos ansetzte, war er alles andere als zufrieden. Deswegen hatte er sich zu diesem Schritt entschieden und er bereute ihn nicht. Sein Belohnungsareal signalisierte nach der Operation nur dann ein Befriedigt, wenn er Gurken, Paprika und Möhren aß und dazu Wasser oder ungesüßte Kräutertees literweise trank.

Physiker Arno tauchte nur sporadisch bei den Treffs der Experimentierer auf, weil er in unregelmäßigen Intervallen in annährender Lichtgeschwindigkeit durch einen Tunnelring flog, der 20.000 Meter über der Erdfläche schwebte. Der Ring war vom Durchmesser genauso breit wie die Erde selbst und  im Modell sah er beeindruckend aus, als wäre er ein schmaler Heiligenschein, der dem Haupt der Erde verpasst worden war.

In diesem Tunnel wurde der Flug von Körpern mit Masse in Lichtgeschwindigkeit erstmals simuliert. Arno war stolz auf diesen Durchbruch, der den Physikern gelungen war und so stellte er sich freiwillig als Testperson zur Verfügung. Der Vorteil: Er hielt sich so oft und so lange im Zeittunnel auf, dass er langsamer alterte als andere: ein veritabler Jungbrunnen, der zudem der Wissenschaft diente.

work your body!, tönte es im Saal basslastig aus den bombastischen Anlagen.

„Okay, wir unterbrechen kurz unseren Austausch und danach geht es munter weiter, liebe Naturals. Merlot, machen Sie einfach nach, was die anderen tun“, wies Siri ihn an. Merlot sah irritiert um sich. An die 40 Paar Hände streckten sich im Torneo zeitgleich zur Decke, sämtliche Teams  stampften nach dem dumpfen Rhythmus mit den Beinen: das geschah einmal die Stunde für jeweils 10 Minuten – eine Anordnung der Wellkampf-Organisatoren, die für alle galt, ganz gleich, ob die Gruppe das Fach Sport in ihr Programm aufgenommen hatte oder nicht. Diese rhythmischen Unterbrechungen waren Pflicht und wer nicht mitmachte, wurde aus dem Wettrennen ausgeschlossen. Unter den Sportiven brach lauter Jubel aus: sie hüpften, sprangen, tanzten, als ginge es um ihr Leben. Unter ihnen waren ausgebildete Sportlehrer mit ausgeprägtem Tanztalent – ein anmutiger Anblick, wenn sie professionell über das Parkett wirbelten, regelrechte Figuren formten, aufreizend mit dem Arsch seitlich kickten und fröhliche Urschreie von sich gaben. Die Angeber unter ihnen streckten die Brust heraus und sahen die anderen herausfordernd an, als wollten sie sagen: Seht her, so macht man es! Merlot fühlte sich unwohl in seiner Haut, er hatte weder ein ausgeprägtes Gefühl für Rhythmus, noch für Melodien und der große Sportler war er auch nicht. Er versuchte mitzuhalten, aber von außen musste es recht dilettantisch wirken; in diesem Augenblick bereute er es,  im Torneo aufgetaucht zu sein.

Er war nicht der einzige, dem die sportlichen Intervalle zu schaffen machten. Viele sahen ungeduldig auf die Uhr und hofften, der wilde Spuk möge vorübergehen. Lediglich die Sportiven legten so richtig los und wünschten sich, es möge noch zwei oder drei Stunden so weitergehen.

Von den Verrenkungen der Sportlichen nicht beeindruckt waren die Arts und Designer, sie sahen am wenigsten ein, warum sie albern rumhampeln sollten. Da sie aber mussten, gaben sie sich dafür her, gelangweilt mit dem Finger zu schnipsen oder im halben Tempo mit dem Kopf zu wackeln.

Die Mehrheit der Hedonisten waren ebenfalls Sportmuffel. Es gab unter ihnen nur eine Ausnahme: Der von Stina anvisierte Neuling stellte sich nicht so furchtbar ungelenkig an wie der Rest des Teams. Er war auch deutlich geschickter als Merlot, der ungelenk und außerhalb der Takte gehüpft und trotz der mäßigen Tanzleistung so aus der Puste war, dass er kein Wort mehr rausbrachte.  Die Bewegungen des neuen Hedonisten waren hingegen stets im Takt – ein Umstand, auf den Stina bei Männern wie bei Frauen sehr achtete, weil sie überzeugt davon war, dass dies damit zu tun hatte, ob ein Mensch bei den wesentlichen Dingen danebenlag oder eben den Takt des Lebens im Blut trug. Ein dicker Punkt mehr für diesen neuen Hedo-Mann, wenn es auch ein inoffizieller Punkt war, den ihr rasendes Herz mit lauter Fragezeichen vergab.

Nach exakt 10 Minuten blieben alle regungslos im Saal stehen, denn die Musik war verstummt. Alle? Nein, das kleine Sportler-Team tat so, als schlügen weiterhin Bässe aufs Ohr. Sie verzichteten darauf, die Beratungsgespräche wieder aufzunehmen, zogen sie es doch eh vor, sich vorwiegend mit Körpersprache zu verständigen.

Stina empfand es schon fast als unanständig, was für einen Körperkult sie betrieben, da konnten sie locker mit Militär- oder faschistoiden Regimes mithalten, die ihre Jugend zur Körperertüchtigung zwangen, was die Doktrin nur so hergab. Das Wort fanatisch war sicherlich nicht übertrieben: wehe, wenn Disziplin und Programm nicht eingehalten wurden; da ging es dann her, als würde ein Regime zusammenstürzen.

Dagegen wirkte der ansehnliche Neuzugang bei den grenzenlosen Genießern geradezu vernünftig und sehr entspannt. Das durfte sie gegenüber den anderen disziplinverliebten Naturals nicht aussprechen, aber wenn sie ihn ansah, dann stand dort ein verdammt gut gebauter Mann, den es ein wenig angeregt hatte zu tanzen, ohne dass er dabei merklich schwitzte oder puterrot angelaufen wäre.

 

Merlot, der Neuling im Naturals-Team

„So, Merlot, jetzt erzählst du uns bitte ein wenig von dir“, forderte Siri ihn auf, nachdem alle wieder brav einen Kreis gebildet hatten.

Merlot schluckte und sah aus wie ein berstend gefüllter roter Luftballon. Er holte zum Sprechen aus, gab es aber auf, nachdem nur unartikulierte Laute zu hören waren. Er  starrte flehend Siri an.

„Schön langsam und tief ein- und ausatmen, Merlot, dann geht das schon“, munterte sie ihn auf und begann, die Atemübung vorzuexerzieren. Merlot war ihr dankbar und ließ sich beim Nachmachen Zeit.

„Also“, begann er und fasste Mut, nachdem er fühlte, seine Stimme einigermaßen wieder im Griff zu haben. „Ich bin hier, weil ich mit meinen 44 Jahren schon zwei Gichtanfälle hatte – der letzte liegt gerade mal ein paar Wochen zurück.“ Alle sahen ihn mitleidig an, Merlot war der einzige in der Runde, der sichtbar zu viel wog und an dessen Haut sich verdächtige rote Äderchen zeigten, wenn sie nicht gerade großflächig puterrot anlief. Das alles sprach doch für eine ungesunde Ernährung inklusive einem exzessiven Alkoholkonsum.

„Ich hatte beruflich in den letzten 13 Jahren viel mit Brauereien und Herstellern von Fertigprodukten zu tun“, bestätigte er den optischen Eindruck und wurde prompt von Stina unterbrochen, die sich nicht zurückhalten konnte: „Das ist nicht dein Ernst, oder?“

„Doch ist es, ich war eine Art Vorkoster, denn immerhin machte ich für diese Firmen die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, da musste ich wissen, für was ich werbe. Seit zwei Jahren bin ich der Sprecher einer Staatssekretärin. Da sie fürs Ernährungs- und Verbraucherministerium arbeitet, habe ich immer noch meine alten Kontakte zu den Bierbrauereien und Fastfood-Produzenten. Ist ne Art Lobby-Arbeit, die ich da betreibe. Aber das darf ich nach außen nicht so darstellen“, fügte er schnell hinzu.

„In Zeiten, in denen ich direkt für diese Produzenten arbeitete, bekam ich in meiner Rolle als Vorkoster Riesenmengen an Gläsern, Dosen und Tüten mit Chilli con carne, Spaghetti bolognese, Hühnerfrikasse, Lasagne und natürlich diverse Biersorten“, beschrieb Merlot sein (Berufs-)Leben. „Als nette Geste und als Dankeschön für meine gute Arbeit gab`s noch das eine oder andere Zuckerl“, zählte er weiter auf und an dieser Stelle huschte ein Lächeln über sein Gesicht. „Ich war saugut in meinem Job und ich sah es als Bestätigung meiner Fähigkeiten an, also trug ich alles nach Hause und ich muss zugeben, ich ernährte mich hauptsächlich davon. Das Bier, das ich von den Brauereien kriegte, hätte ich ich eh gekauft, insofern sparte ich mir durch die Gratisgaben eine Menge Geld. Außerhalb dieser Lebensmittel griff ich meist zu vorgewürzten Schnitzeln, die ich in die Pfanne haute.“ Die Runde sah ihn mit aufgesperrten Mündern an; weil Siri wusste, mit welcher Wucht die Vorwürfe auf den armen Merlot einprasseln würden, kam sie dem zuvor:

„Ja, natürlich ist es extrem ungesund, was Merlot uns da erzählt, aber denkt bitte daran: Mit seinem Gang zu uns in die Naturals-Gruppe hat er den ersten richtigen Schritt getan und er ist hier, weil er seine Ess- und Lebensgewohnheiten ändern möchte. Außerdem macht er keine Presse- und Öffentlichkeitsarbeit mehr für diese Firmen – zumindest nicht so direkt.“

Stina konnte nicht mehr an sich halten und prustete los: Der Fastfoodfesser Merlot arbeitete allen Ernstes für das Ernährungsministerium! Gut, es war ihr klar, dass auf dem politischen Parkett Lobbyarbeit verrichtet wurde, aber genau das war für sie der Skandal. Stina hielt sich mit Mühe zurück, als sie Siris ermahnenden Blick auffing.

„Meine früheren Kontakte zu Fertiggerichtsproduzenten und zu den Brauereien sind mir bei meinem neuen Job recht hilfreich“, ergriff Merlot wieder das Wort. „Nachdem weitere Produzenten von meiner neuen Position als Pressesprecher gehört hatten, rannten sie mir die Bude ein und wollten über mich ihre Belange an das Ministerium anbringen – so bin ich denn aktuell eine Art Verbindungsmann zwischen Lebensmittelindustrie und Politik. Die Lebensmittelfirmen und Brauereien beschäftigen eine Menge Leute, es geht also um nichts Geringeres als Arbeitsplätze“, betonte er. Jetzt, wo Merlot über seine Arbeit reden konnte, fühlte er sich sicherer. Es gab noch so viel, was er den Naturals erzählen wollte und konnte; er atmete tief ein, um genug Puste zu haben für das, was noch kommen sollte – wurde aber von Siri gestoppt.

„Gut, Merlot, ja, sehr interessant, was du uns da über deinen Job berichtest“, gab Siri zu verstehen. „Wir freuen uns über deinen Entschluss, fortan gesund essen und leben zu wollen, denn das ist deine Chance, einen dritten Gichtanfall zu vermeiden. Außerdem macht es sich sicherlich gut, wenn du als Mitarbeiter des Ernährungsministeriums mehr als bisher auf eine vernünftige Lebensweise achtest. Mit deinem derzeit unübersehbaren Übergewicht bist du eine echte Herausforderung für unsere Gruppe. Wir können beweisen, wie gut unsere Naturals-Methoden sind, wenn wir dich als Schützling aufnehmen und dich auf der neuen gesunden Linie unterstützen. In drei Monaten steht der große Wellkampf gegen die anderen Gruppen hier im Torneo an. In zehn Wochen haben wir unseren Generalauftritt; TV und Presse werden dabei sein, Interviews mit dem einen oder anderen führen und vor allem werden sie Bilder und Texte nach außen tragen an die Zuschauer und Leser, die am Ende gemeinsam mit der Jury zu entscheiden haben, welche Gruppe es am besten macht. Bis dahin, Leute,  müssen wir Merlot auf Linie bringen“, kündigte Siri lautstark an und klatschte dabei in die Hände. Sie deutete auf Stina.

„Stina, bitte kümmere dich in nächster Zeit ein wenig um Merlot, ja? Er kann eine Menge von dir lernen, vielleicht kannst du ihn davon überzeugen, sich einen super-Nono zuzulegen, wie du ihn bereits hast.“ Stina verspürte keinerlei Lust, sich  mit diesem formlosen Merlot zu beschäftigen, aber sie hatten alle zu Beginn versprochen, sich gegenseitig zu helfen und nicht auf einer Egoschiene zu fahren. Also gab sie nach. „Mach ich“, antwortete sie. Merlot strahlte und sah Stina dankbar an.

„Ich will ja mein Leben nicht komplett umstellen, mir würde es reichen, wenn ich fünf Kilo loswerde. Gut, insgesamt wiege ich wohl derzeit 10 oder 15 zu viel, aber das ist doch nicht so dramatisch, oder?“ Mit dieser Einschätzung stand Merlot allein in der Runde.

„Du bist hier bei den Naturals!“, entgegnete Siri in einem Ton, der sich jede Widerrede verbat. „Bei uns wird jeder hart rangenommen, noch kannst du aussteigen, wenn du meinen solltest, dass unser Programm nicht zu dir passt.“ Siri klang entschlossen und auch die übrigen in der Runde machten nicht den Eindruck, als würden sie Merlot schonen wollen. In ihren Augen lag er gefühlte 30 Kilo  über dem Normalgewicht und dagegen musste strengstens etwas unternommen werden!

„So habe ich es nicht gemeint, ich bin dabei“, gab Merlot kleinlaut nach. Anfangen wollte er auf jeden Fall und ob er durchhielt, würde sich herausstellen.

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