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Genießen ist gesund

Manchmal darf es opulent sein: Wer ab und zu ohne Reue genießen kann, tut sich was Gutes. Das hat allerdings nichts mit gewohnheitsmäßiger Völlerei zu tun. foto: shutterstock

Manche können`s, andere nicht: Gelegentliches Genießen ohne schlechtes Gewissen

Manchen Menschen scheint die Genuss-Fähigkeit zu fehlen. Ganz gleich, wie gut es ihnen vergleichsweise gehen mag: Das Leben meint es ja so schlecht mit Ihnen, wie sollen sie da genießen können? Dezente Hinweise, dass es annährend 95 Prozent der Leute in der Welt übler erwischt hat als sie in puncto komfortables Leben, verpuffen. Obwohl aus Sicht dieser 95 Prozent alle Voraussetzungen zum Genießen gegeben wären, können oder wollen sie es nicht.

Aber es gibt sie: Genießer, die sich unabhängig davon, ob es ihnen objektiv betrachtet gut geht oder nicht, dem Genuss hingeben können – und wenn es nur ein Augenblick ist, der wenige Sekunden dauert.

Wer hin und wieder genießen kann, tut was für seine Psycho-Hygiene und damit für seine Gesundheit. Er versetzt sich mit eigener Kraft in eine helle Stimmung, freut sich beispielsweise die ganze Woche darauf, sich am Wochenende mit Freunden zu treffen in einem Schlemmerlokal.

Den Nichtgenießer sucht anlässlich solcher Ereignisse gleich das schlechte Gewissen heim:

„Oh, ich muss in ein Lokal, in dem es lauter kalorienreiche Speisen gibt. Aber ich kann nicht so zulangen wie die anderen, weil es doch ungesund ist, wenn ich nach der Vorspeise ein opulentes Gericht bestelle und das Ganze auch noch mit einem süßen Dessert abschließe. Ich darf also wieder nur zuschauen, wie andere alles in sich reindreschen, als gäbe es kein Morgen.“ Sowas macht na klar schlechte Laune, erzeugt einen inneren Druck, der sich aufstauen und in einen Bumerang verwandeln kann, der zurückgeschleudert wird: Der Nichtgenießer wundert sich dann, dass es ihm schlecht geht, obwohl er sich doch so gut wie alles verbietet. Missmutig betrachtet er die anderen in der Runde.

„Wenn Sabine auch nur ein weiteres Gramm zunimmt, platzt ihre Elastan-Hose“, denkt der Nichtgenießer im Kreise seiner Freunde. Sein Blick streift zu Inge: „Die kann sich demnächst eine komplett neue Garderobe besorgen von A bis Z – allerdings in der nächsthöheren Konfektionsgröße.“ Ganz schlimm fällt ihm Thomas auf: „Der hat doch ne Fettleber, wie kann er da einfach den ganzen Teller Pasta mit ultrafetter Scampi-Soße aufessen – ganz zu schweigen von seinem Nachtisch?!“ Während also die Griesgrämigkeit die Gedanken des Nichtgenießers beherrschen, sitzen um ihn herum lauter Leute, die herzhaft zulangen und in ausgelassener Stimmung ihre (Small-)Talks führen.

Ein Genießer hingegen ist in der Lage, bei seltenen und besonderen Ereignissen wie einem auswärtigen Essenstreffen mit Freunden das schlechte Gewissen auszuladen.

„Endlich sehe ich meine Freunde wieder und wie schön sich die vielen bunten Speisen auf dem großen Tisch ausnehmen! Es bringt mir Spaß, in geselliger Runde zu schmausen und das werde ich auch tun. Wer weiß, wann wir uns alle wieder sehen. Ich setze mir vorweg keine Grenzen, das wird mein Magen schon von allein tun. Ohne Reue genießen, das wird wunderbar!“

Ein seltener Glücksfall ist es, wenn ein Dessert genauso gut schmeckt wie es aussieht. Auf diese süße Komposition aus edler dunkler Schokolade („Dark secret“) und Pistazienmus trifft es zu. Kreiert vom Chocolatier für den gelegentlichen Genuss

Und unser Nichtgenießer? Er zwingt sich dazu, nur einen mageren Salat zu bestellen, dazu 1 Liter Wasser. Sein Hauptaugenmerk gilt aber all den vermeintlich ungesunden Speisen der Freunde, die da „sündigen“. Womöglich fühlt er sich den anderen überlegen, weil er den mühsamen Weg des Verzichtens geht.

Er merkt nicht, dass es gerade dieses erzwungene Verbot ist, das in seinem Körper vermehrt das Stresshormon Cortisol freisetzt. Ungünstig für ihn, denn zu viel Cortisol im Blut kann die Gewichtszunahme begünstigen. Wenn diese Annahme stimmt, dann kann es sein, dass unser Nichtgenießer zunimmt, obwohl er es sich versagt hat zu schlemmen.

Die Frage ist, was ungesünder ist: Diesen inneren Druck samt eventuell höherem Cortisolspiegel riskieren oder alle paar Wochen mal alle Fünfe gerade sein lassen und einfach nur genießen? Diese Frage darf jeder für sich selbst beantworten.