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Sanfte oder Hardcore-Tour beim Reinigen?

Harte Geschütze auffahren beim Reinigen oder nicht? Er scheint noch unentschieden zu sein. Foto: shutterstock

Essig und Zitronensäure versus härtere Desinfektionsmittel

In Krankenhäusern herrschen härtere Hygiene-Kriterien als im Privathaushalt. Patienten, Ärzte/Pflegepersonal und Besucher müssen vor schädlichen Mikroben geschützt werden. Hände gründlich zu waschen und zu desinfizieren gehört daher zum Klinikalltag.

Zu Hause im normalen Alltag hingegen können wir weitgehend auf harte chemische Desinfektionsmittel verzichten. Die Hände mit Seife und warmem Wasser zu waschen, reicht hier i.d.R. aus. Dieser Beitrag betrachtet den privaten Gebrauch von Reinigungsmitteln.

Wer sich angewöhnt, nach dem Heimkommen, vor/nach dem Essen (bzw. vor dem Anfassen von Lebensmitteln) oder auch nach dem Toilettenbesuch die Hände sorgfältig zu waschen, ist schon mal gut beraten. Da sich schädliche Keime über die Hände übertragen können, wäre es eigentlich vernünftig, auf das kulturell verankerte Händeschütteln zu verzichten. Ein höfliches Nicken oder ein leichtes sich Verbeugen tun es auch. Mag noch ungewohnt sein, aber je mehr Leute es machen, desto mehr Nachahmer könnte es finden.

Als Putzmittel im Haushalt bieten sich beispielsweise an: Essig oder Zitronensäure.

ESSIG

Bei Essig eignet sich beispielsweise ein preiswerter Tafelessig mit Branntwein. Der Säuregehalt beträgt circa 5 %. Der preisgünstige Branntweinessig wird aus verdünntem Korn, Wodka oder anderen gebrannten Alkoholen produziert.

Wenn Bakterien den Alkohol (Wein/Branntwein) in Essigsäure und Wasser umwandeln, entsteht Essig.

Essigessenz hingegen wird chemisch hergestellt und enthält den stärkeren Säuregehalt von 25 %. Die natürlich hergestellte Version mit 5 % Säure reicht im Haushalt.

Essig ist wirksam gegen Schmutz, Fett und Kalk – und damit ein idealer Haushaltsreiniger. Essig wird eine antibakterielle Wirkung zugeschrieben. Bei 30-Grad Waschgängen ist er eine gute Alternative gegenüber Desinfektionsmitteln. Gegen Schimmel soll Essig weniger geeignet sein. Umweltfreundlich ist er dadurch, dass er biologisch abbaubar ist. Natursteinböden und Silikon-Dichtmassen mögen keinen Essig. Praktischer in der Anwendung im Haushalt wird Essig, wenn man ihn in eine saubere Sprühflasche füllt.

ZITRONENSÄURE

Die in Lebensmitteln und Reinigern verwendete Zitronensäure hat mit der natürlichen Zitrone nicht viel zu tun. Sie wird mit Hilfe gentechnischer Verfahren künstlich hergestellt. Schimmelpilze gedeihen auf zuckerhaltigen Nährlösungen und im Ergebnis entsteht ein isoliertes Säurekonzentrat, das keine Vitamine oder Mineralien enthält.

Wenn also „Zitronensäure“ auf Lebensmitteln steht, dann ist das keineswegs frisch ausgespresste Zitrone, sondern entspricht dem künstlichen Konservierungs-, bzw. Säuerungsmittel E330. Ein Grund, auf die Inhaltsstoffe von Fruchtsäften, Gummibären oder Marmelade zu schauen und solche Produkte möglichst zu meiden.

Aber zum Putzen und Entkalken ist Zitronensäure durchaus zu empfehlen.

Zitronensäure gibt es in flüssiger Form oder als Pulver in der Drogerie zu kaufen. Bei Schmutz und Kalkablagerungen in Toilettenschüsseln, Spülkästen, auf Steinböden oder am Silberbesteck: Wer hier mit (verdünnter) Zitronensäure anrückt, erzielt gute Ergebnisse in puncto Sauberkeit und Glanz.

ALKOHOL in sauberer Sprühflasche

Achtung: Aus aktuellem Anlass (Coronavirus CoV-2) wird privaten Personen dringend davon abgeraten, Alkohol zu kaufen/horten, um damit zu desinfizieren! Derzeit benötigen Arztpraxen und Krankenhäuser Desinfektionsmittel, für deren Herstellung häufig Alkohol genommen wird.

Generell – also auch in Nicht-Virus-Zeiten – kann zu Hause auf Alkohol als Desinfektionsmittel verzichtet werden. Essigreiniger, Zitronensäure, Seife, Spülmittel reichen für den normalen Alltag aus.

Wer meint, nicht auf Alkohol als Desinfektionsmittel verzichten zu können, sollte auch in nicht viralen Zeiten sehr sparsam damit umgehen.

Eine saubere Sprühflasche nehmen, Alkohol in 70%iger Konzentration einfüllen und fürs Reinigen von Oberflächen benutzen, um Bakterien, Pilzen und Viren den Garaus zu machen. Es gibt allerdings erste Hinweise darauf, dass Bakterien auch gegen Alkohol Resistenzen bilden könnten. Der Einsatz im privaten Umfeld sollte also wohlüberlegt sein. In Apotheken gibt es fertige Alkoholpräparate, die zusammen mit gereinigtem Wasser eine Konzentration von 70 Prozent ergeben.

In Bad, Küche und Toilette auf Oberflächen sprühen und trocken wischen. Vor allem Glasflächen lassen sich gut mit Alkohol reinigen – mit Glanzeffekt. Für Brillengläser eignet sich Alkohol auch. Ebenfalls praktisch: Sein Einsatz zum Desinfizieren von Wunden. Wobei hier zu beachten ist, dass Alkohol zwar desinfiziert, aber gleichzeitig die Wundheilung hemmen kann.

Alkohol gibt es in verschiedenen Konzentrationen. Nun könnte man denken:

„96%iger Alkohol reinigt und desinfiziert stärker als der 70%ige, ist doch claro.“  Ich habe mich mal bei einer Apothekerin darüber informiert, sie sagte:

„Nehmen Sie lieber den 70%igen. Vor allem, wenn Sie ihn auch zur Wunddesinfektion benutzen wollen…“. Sie erklärte auch warum, aber ich verstand die Begründung nicht. Später las ich nach, was denn nun besser ist.

Ich fand folgenden Hinweis: Höhere Konzentrationen als 70 % erzielen keine bessere antibakteriellen, antiviralen und antimykotischen Wirkung, weil das verdünnende Wasser in Kombination mit Isopropanol in der 70er-Version als Katalysator fungiere und ein entscheidender Faktor sei, wenn es um die Bekämpfung von Mikroorganismen ginge.

Eine Isopropanol-Lösung mit einer Konzentration von 70% und destilliertem Wasser könne demnach die Zellwände von Mikroorganismen besser durchdringen, sodass die gesamte Zelle effektiver zerstört werde. Bei einer Konzentration über 90% würden zwar auch Erreger abgetötet, jedoch dauere es länger als bei der 70%-Version und es würden nicht so viele Mikroorganismen zerstört.

Bei der Wunddesinfektion gilt es – wie bereits erwähnt – zu beachten, dass Alkohol auch die Zellen zerstört, die für die Wundheilung wichtig sind. Das kann den Heilprozess hemmen bzw. verzögern. Der häufige Einsatz von Isopropanol kann zudem die Haut austrocknen, weil Alkohol Fett löst. Mit einer fetthaltigen Creme lässt sich gegensteuern.

Was unsere helfenden Bakterien uns über Hardcore- Desinfektionsmittel sagen würden, wenn sie sprechen könnten.

Je härter die Mittel sind, die ich zu Hause einsetze gegen Bakterien, Pilze und Viren, desto ungesünder kann es für mich sein. Für diese Annahme sprechen die Beobachtungen, die zwischen Kindern auf dem Land und in der Stadt gemacht wurden: Landkinder halten sich hin und wieder in Tierställen auf. Brutstätte von Bakterien, Viren und Pilzen könnte man meinen und da müssten sie doch krank werden. Es zeigte sich aber, dass diese Kinder deutlich weniger an Allergien litten als Stadtkinder.

Wir kennen die Etiketten auf Reinigungsmitteln, auf denen steht: “Desinfiziert zu 99 % Bakterien, Viren und Pilze.” Und ich habe einige Hausfrauen und Hausmänner erlebt, die regelmäßig zu solchen Flaschen greifen und stundenlang damit putzen. Keimfreiheit scheint ihnen ein erstrebenswertes Ziel zu sein. Aber genau das ist fragwürdig. Denn wenn diese Hardcoremittel in der Lage sind, 99% aller Mikroben abzutöten, dann killen sie auch diejenigen Bakterien, die wir dringend benötigen, um gesund zu sein/bleiben.

Wenn unsere Helfer-Bakterien sprechen könnten, würden wir zu hören bekommen:

„Ey, auch ich gehe drauf, wenn du versuchst, die schädlichen Kollegen auszumerzen! Und wenn du mich nicht mehr in genügender Anzahl hast, während das feindliche Lager immer größer wird, dann gute Nacht, lieber Freund!“

Scheißgute Bakterien gegen Darmprobleme

So richtig scheißgute Bakterien werden sogar gezielt gegen chronische Darmprobleme eingesetzt. Dafür wird Kot entnommen von top-gesunden Probanden und entsprechend analysiert. Ist nachgewiesen worden, dass dieser Kot kerngesund ist, kann er dem Darmkranken zugeführt werden. Gute Ergebnisse dieser Art der Darmsanierung lassen aufhorchen. Muss jeder selbst wissen, ob er zusammen mit seinem Arzt sowas angeht oder nicht.


Fazit und Antwort auf die eingangs gestellte Frage:

Wenn wir zu Hause häufig und über einen längeren Zeitraum mit Hardcoremitteln das Putzen angehen, sorgen wir für eine „Keimfreiheit“, die nicht so erstrebenswert ist wie manch eine/einer denken mag.

Eine äußere (Haushalt, Kuhstall…) wie auch innere (unser Darm) Umgebung mit helfenden Bakterien ist enorm wichtig für unsere Gesundheit. Sie sind unsere schützenden Soldaten, die wir gut behandeln sollten, statt chemisches Kanonenfutter gegen sie zu richten. Denn diese Kanonen können leider nicht zwischen schädlichen und helfenden Mikroben unterscheiden, so dass die guten Bakterien als eine Art Kollateralschaden ebenfalls abgetötet werden – mit zum Teil fatalen Folgen, was mögliche Resistenzen, Allergien, Asthma und andere Krankheiten bezeugen. Abgesehen davon kann allein schon das Einatmen chemischer Reinigungsmittel gesundheitsschädlich sein – dies insbesondere dann, wenn wir sie im Bad reichlich einsetzen und danach schön lange heiß duschen.

Im Normalfall können und sollten wir sowohl auf harte Reinigungs- bzw. Desinfektionsmittel als auch auf Breitband-Antibiotika verzichten.