Schlagwort: soziale Vernetzung

Amigos machen es wie neuronale Zellen: Sie vernetzen sich

Parallele Ähnlichkeiten zwischen neuronalen Netzen und der sozialen Vernetzung von Amigos in Politik/Wirtschaft oder Stars aus Film-/Musik-/Kulturbranche (Foto: Shutterstock)

Zwei Ebenen, eine Ähnlichkeit: Vernetzung

Oft sind diejenigen, die eine herausragende Stelle in Politik, Wirtschaft oder Showbiz ergattern konnten, sehr gut vernetzt. Oder anders ausgedrückt: Je besser jemand sozial vernetzt ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass er/sie erfolgreich ist. Ausnahmen mag es geben in der Art, dass ein radikaler Einzelkämpfer ohne Hilfe seine Ziele erreicht. Aber wir betrachten hier die häufigen Fälle. Und in denen heißt es oft: „X hat an mich geglaubt, Y hat mich gefördert, Z hat mir die Kontakte verschafft…“

Auch wenn am Ende eine einzelne Person im Scheinwerferlicht des Erfolgs das Erreichte strahlend genießt, stehen oft hinter ihm/ihr Menschen, die ihn/sie bis dahin getragen oder zumindest die richtigen Impulse gegeben haben. Bei Preisverleihungen oder in Biografien wird dies auch erwähnt.

Dass aber eine einzelne Person im Vordergrund steht und die anderen quasi unsichtbar sind, verleitet den einen oder anderen Heranwachsenden fatalerweise zu der Annahme: „Das ist ein starker Einzelkämpfer, der hats geschafft, das möchte ich auch.“ Und vergisst dabei, das Unsichtbare zu erkennen: all die helfenden Hände und Ideen im Hintergrund, die Hilfe, die ein gut vernetzter Mensch erfährt.

Klassische Amigo- oder Spezl-Vernetzungen spiegeln diese Tendenz ebenfalls wider, wenn auch weniger schillernd als bei Stars. Bis vor einiger Zeit profitierten vorwiegend Männer von solcherart Netzen. Dass Frauen das Vernetzen immer stärker für sich entdecken, wird ihnen vermutlich helfen, ersichtliche Erfolge zu erzielen. Dass sie es früher nicht so fleißig taten wie Männer, finde ich schade. Es wird Zeit, hier aufzuholen – nicht im Sinne einer Emanzipation, die ihre Aufgabe darin sieht, zielgerichtet gegen Männer zu agieren – sondern im Sinne einer Vernetzung mit allen, die es wollen: Frauen wie Männer, die sowas nicht vom Geschlecht abhängig machen.

Die Macht und neuronale Parallelität der sozialen Vernetzung

Ob es nun Zufall sein mag oder nicht:

Wir finden ein Netzwerk-Pendant tief verankert in unserem Körper: Unsere Hirnzellen sind auf eine wunderbare und rätselhafte Weise miteinander vernetzt. Ohne das Funktionieren dieser neuronalen Vernetzungen würde unser Hirn nur schlecht bis gar nicht funktionieren.

Neurologen stellen fest, dass beim Aufbau von neuronalen Netzen im Kindesalter ne Menge los ist: Das sich entwickelnde Hirn des Kindes ist höchst aktiv, durch unzählige und weitgehend angstfreie try-and-error-Versuche verlinkt es die Erfahrungen, die es macht – es entstehen neue neuronale Verbindungen. Die Erfahrungen prägen sich regelrecht ins Hirn ein: Das Kind lernt, seine Umgebung, die Sprache, die Menschen drumherum etc. zu verstehen.

Ein Feuerwerk an neuronalen Reizen und Reizübertragung. Wenn wir davon ausgehen, dass das Hirn zunächst unbeschriebenen Blättern entsprach (im Babyalter), dann werden nach und nach die Seiten beschrieben/geprägt durch die Lernprozesse, die ein jeder von uns macht. Dabei entstehen immer mehr neuronale Netze, die im ausgewachsenen Alter so komplex sind, dass auch die ausgefuchsten Profis (namhafte Neurologen, Psychiater) ratlos und bewundernd davor stehen, weil sie die Komplexität oder Teile davon in Bezug auf das Ganze nicht oder nur ungenügend erklären können.

Unser Hirn kann mehr, als wir ihm zutrauen

Eines kristallisiert sich immer mehr heraus: Wenn wir im Erwachsenenalter hinnehmen, dass unser Hirn nicht mehr so doll funktioniert, dass wir beispielsweise nicht mehr (so schnell) eine Fremdsprache erlernen wie im Kindes- oder Jugendalter, dann lassen wir etwas brach liegen, was in Wirklichkeit durchaus noch funktionieren und auch im höheren/hohen Alter aktiviert werden kann.

Wir können im Einzelfall mit mehr oder weniger Aufwand unser erwachsenes/altes Hirn dazu bewegen, wieder vermehrt neuronale Netze aufzubauen, mehr und NEUE Verbindungen einzugehen. Mit dem Ergebnis, dass wir erstaunlicherweise mehr Hirnleistung erbringen als wir dachten und uns zugetraut hatten.

Das mag ein Grund sein, warum es immer mehr „junge Alte“ gibt: Sie trainieren ihre Körper mehr als es ältere Menschen noch vor 50 oder 20 Jahren getan haben – und darüber hinaus trainieren sie ihr Hirn wie einen „Muskel“, der nicht erschlaffen soll.

Es gibt genug Wissenschaftler und Ärzte, die diese Tendenzen unterstützen. Ich nenne nur mal Michael Merzenich, ein US-Neurologe/Psychiater, der viel über das „plastische Hirn“ geforscht und erstaunliche Resultate in seiner Praxis/seinen Projekten erzielt hat. Er geht davon aus, dass unser Hirn nicht fest verschaltet ist, sondern sich durch seinen „plastischen“ Charakter durch das gesamte Leben hinweg bis ins hohe und höchste Alter verändern und darüber hinaus sogar neu erfinden kann.

Michael Merzenich hat es mit seinem „scientific-learning-project“ geschafft, autistische Kinder, die verzögert lernten, dazu zu bringen, normale bis überdurchschnittliche Leistungen zu erbringen. Darüber hinaus geht er davon aus, dass es auch Erwachsenen/alten Menschen gelingen kann, mit den entsprechenden Hirn-Übungen geistig fit zu bleiben und dafür zu sorgen, möglichst verschont zu werden von Demenz oder Parkinson.

Unsere Körper werden immer älter, Hirn hinkt häufig hinterher

Der Neurologe ist sich der Schieflage bewusst, dass unser Körper zwar zunehmend älter wird, der Geist aber leider hinterher hinkt und an Demenz oder Parkinson erkranken kann. Ein ungleiches Verhältnis auf der Waage, das wir mit speziellem Training aber gut ausgleichen können.

Im Alltag können es Dinge wie „Fremdsprache/Musikinstrument lernen“ sein. Wobei es einen größeren Effekt haben soll, wenn wir uns an Sprachen ranmachen, die mit fremden Zeichen arbeiten: Chinesisch oder Russisch beispielsweise.

Wenn wir also beginnen, die vielen chinesischen Zeichen nach und nach zu lernen, sorgen wir für eine stärkere neuronale Vernetzung in unserem Hirn.  Das kann uns bis zu unserem Lebensende gelingen, wenn wir Glück haben und wenn wir am Training dranbleiben.

Die Ähnlichkeit/Parallelität zwischen sozialen und neuronalen Vernetzungen ist m.E. frappierend, sie mag eine Bedeutung haben oder nicht: erwähnenswert ist sie allemal.

Resümee:

Vereinfacht ausgedrückt: Je mehr wir an sozialen und neuronalen Vernetzungen vorweisen können, desto besser kann es uns gehen. Natürlich gibt es nicht den „einen, einzig-richtigen Weg“, Erfolg zu haben und sich gut zu fühlen, aber es könnte sich durchaus lohnen, über solche Zusammenhänge nachzudenken und das eine oder andere mutig auszuprobieren.

Weiterführende Literatur: Wer sich mehr über neuronale Netze des Hirns informieren möchte, dem sei das Hörbuch des Forschers und Psychiaters Norman Doidge „Neustart im Kopf“ (2017) empfohlen. Doidge geht in seinem Werk auch intensiv auf den im Text erwähnten US-Neurologen Michael Merzenich ein. Faszinierend, wie Norman Doidge darstellt, dass unser Hirn nicht nur bis ins hohe/höchste Alter lernfähig bleiben, sondern auch sich selbst reparieren kann.