Wann Essen glücklich macht

Glück haben diejenigen, die essen, was ihnen schmeckt, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass es saugesund ist.

Wenn der Zufall es sozusagen so gewollt hat, dass ich intuitiv und von meinem persönlichen Geschmack her auf die Lebensmittel blind zusteuere, über die es heißt, man solle sie zu sich nehmen, weil sie so nahrhaft seien: Glück gehabt.

Ich analysiere also nicht Diäten und pick mir dann eine raus, um mir gegen meine natürlichen Bedürfnisse dies und jenes streng zu verbieten. Vielmehr führen meine Bedürfnisse mich intuitiv zum richtigen Futter. Es gibt diese Leute. Im südlichen Europa frühstücken nicht wenige lediglich mit einem frisch aufgebrühten Cappuccino, inklusive einem Glas Wasser ohne Kohlensäure – eventuell kommt ein Croissant dazu. Ungesund? Nun, die Menge machts. Ein Croissant am Morgen geht durch, wenn der Rest des Tages nicht mit Übersüßem und üblen Fetten vollgestopft ist.

Nach einem solchen Frühstück folgt meist erst einmal: nix. Wenn überhaupt, dann ein kleiner Teller Antipasti/Tapas/Mezeler zu Mittag, der entweder zu Hause oder im Bistro mit Freunden oder Bekannten zusammen eingenommen wird. Oft mit ein paar Scheiben Weißbrot oder Baguette! Ungesund? Auch hier macht`s die Menge, die Kombination und die Art und Weise, wie ich mich insgesamt ernähre. Antipasti/Tapas/Mezeler-Bestandteile sind u.a.: in Olivenöl gebratenes oder eingelegtes Gemüse, Fisch, Geflügel und Meeresfrüchte – manchmal auch in geringen Mengen Fleisch. Käse und Wein mögen einen in südeuropäischen Gefilden gedeckten Tisch bereichern. Bei Alkohol kommt es sehr auf die Menge an. Wer genießen kann, ohne sich aus Gewohnheit Unmengen hineinzuschütten, beweist, dass man Genussmittel weder missbrauchen noch strikt meiden muss.

Ja richtig, es läuft auf die so genannte „mediterrane Lebensweise“ hinaus, die von manchen Diätexperten als neu entdeckte, richtige Diät angepriesen und von anderen wiederum genauso leidenschaftlich in Frage gestellt wird.

Ich will kein Urteil darüber fällen, ob sie gut oder schlecht ist – ich gucke mir die Menschen dort an: Sie haben Lust am Essen und sind eher nicht übergewichtig. Also scheint was dran zu sein. Diese Leute ernähren sich nicht deshalb so, weil ihnen ein Ernährungspapst gesagt hat, dass sie es unbedingt tun sollten. Nein, es gehört zu ihrer Esskultur. Erst, wenn die Hitze des Tages vorbei ist, geht es üblicherweise ins Eingemachte: beim Essen am Abend lässt sich der Mediterrane viel Zeit. Oft in Gesellschaft von Familie, Freunden, Kollegen, Bekannten… oder im Lokal. Das bedeutet: kein unkontrolliertes Frust-Fressen allein in den vier Wänden.

Könnte man auch trendbewusst „Intervallfasten“ nennen, weil der Mediterrane in der Hitze des Tages viele Stunden ohne Fraß verbringt. Zwischendurch wird viel getrunken, Espresso-Wasser-Latte-Wasser-Espresso-Wasser… Zu viel Kaffee ungesund? Auch hier scheiden sich die Geister; Meldungen folgender Art werden uns in schöner Regelmäßigkeit wechselweise dargeboten:

„Kaffee/Wein ist ungesund“

„Kaffee/Wein ist gesund“

„Kaffee/Wein in Maßen stärkt das Herz“

„Kaffee/Wein schädigt Arterien“

„Kaffee bindet das Wasser im Körper: ungesund“

„Filterkaffee ungesund, Espresso gut verträglich für den Magen“

„Filterkaffee kann man getrost mehr von trinken, Espresso nicht“

„Espresso kann man mehr Tassen trinken, Filterkaffee nicht.“

Hier gilt: Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte. Als Dritte genieße ich meinen Espresso macchiato ohne mies- oder Angst-machende Gedanken – von mir aus auch drei am Tag.

Der Mediterrane exerziert also das Intervallfasten, zieht Lebensmittel wie Gemüse und Meeresfrüchte vor, ohne sich dessen unbedingt bewusst zu sein, dass er damit gleich die Ansprüche mehrerer Ernährungsexperten auf einmal befriedigt: Chapeau, denn das schaffen nur die wenigsten von uns.

Das ist genau der Punkt: dem natürlichen Instinkt folgen, ohne krampfhaft Diäten einzuhalten, die voller Verbote sind. Diese Freiheit, dem eigenen Instinkt zu folgen und dabei noch Lust und Spaß zu empfinden, kann glücklich machen.

Nur dumm, dass wir in Breitengraden leben, in denen es nicht so heiß zugeht wie in den Siesta-Ländern. Könnte das ein Grund für unser grenzenloses Fressen zu jeder Tag- und Nachtzeit sein?

Na bestimmt! Damit gelangen wir zu der Erkenntnis, dass das Klima Schuld an unserem Dickwerden ist. Wer friert, legt sich gerne eine Fettschicht zu. Gut, dass wir einen Schuldigen außerhalb von uns selbst gefunden haben! Ansonsten müssten wir ja an uns arbeiten.

Wenn wir uns im Urlaub in den mediterranen Ländern aufhalten, merken wir recht schnell, warum die Einheimischen am Tag – vor allem gegen Mittag – kaum etwas essen: Man bekommt schwer was runter, es ist schlichtweg zu heiß! Lieber ein kühlendes Getränk (ohne Zucker) und die Suche nach einem schattigen Plätzchen – oder am besten beides.

Was tun, wenn wir offensichtlich das falsche Klima haben?  Wer kann, holt sich mental eine mediterrane Auszeit.  Das hieße, zumindest für eine gewisse Zeit mal mediterran essen. Wer dabei merken sollte, dass diese Art des Essens ihn glücklicher macht: zum Wiederholungstäter werden, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet.

Ganz Mutige verlassen sich allein auf die eigene mentale Kraft und stellen sich vor, ihnen wäre warm. Manche schaffen diese Visualisierung auch im Winter bei Minusgraden außerhalb des Hauses. Uns wird suggeriert, dass wir mental starken Einfluss auf uns selbst nehmen können: Einfach mal probieren. Es soll sogar Leuten geholfen haben, nicht zu erfrieren, wenn sie sich innerlich vor Augen führten, wie schön warm ihr Körper sich anfühlt. Das ist stark!

Wer es handfester mag: Eine andere Wärmequelle ist das klassische Kuscheln – aber bitte dabei nicht gemeinsam als Potatocoucher große Mengen Chips und dergleichen mampfen. Weil sie einen dann eiskalt erwischen kann: die ungesunde Kalorienbombe.

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